Fortgeschrittener Rückschritt?

von Tobias Rischk — Gepostet in Bildung am 6. Februar 2015

Im Jahr 2013 wurde vom unabhängigen internationalen Verbund wissenschaftlicher Bildungsforschung (kurz IEA DPC) die Studie mit dem Namen ICILS, zur Abbildung von computerbezogenen und informationstechnologischen Kompetenzen von Jugendlichen durchgeführt. Die Studie wurde im Dezember 2014 im Rahmen der Online Educa in Berlin vorgestellt und sollte aufzeigen, inwiefern Jugendliche auf die Herausforderungen des Informationszeitalters vorbereitet sind. Die Testgruppe waren Achtklässler aus insgesamt 19 Nationen aller Kontinente. Ähnlich wie die Resultate der PISA-Studie sollte die Erhebung eine Zwischenbilanz zur aktuellen Entwicklung darstellen, Leerstellen aufzeigen und Orientierungen für den Bildungsbereich geben. Die Veröffentlichung löste ein empörtes Echo in den Medien aus, denn die getesteten deutschen Jugendlichen schnitten verhältnismäßig schlecht ab.

Was bedeutet eigentlich „Digital Natives“?

„Digital Natives“ meint im Allgemeinen die nach 1990 geborenen Jugendlichen und Adoleszenten, welche mit dem Internet, dem Mobiltelefon und dem PC aufgewachsen sind. Diese grobe Einteilung missachtet allerdings die heutigen in der IT-Branche Beschäftigten und allgemein an IT Interessierten, die zwar nicht mit der aktuellen Technik aufgewachsen, aber in sie eingearbeitet sind. Der Begriff beschreibt zudem eine Generation, für die der Umgang mit digitalen Medien auf mobilen Geräten obligatorisch ist und sie daher wesentlich technikaffiner sind als Generationen vor ihnen. Im Alltag verstärkt sich dieser Eindruck sicherlich, aber wie sind dann die schwachen Ergebnisse der Studie zu erklären?

Die Studie und ihre Erkenntnisse für die deutsche Bildungslandschaft

Für die Studie mussten die Probanden Aufgaben im Bereich der Recherche und Verarbeitung von Informationen aus dem Internet bearbeiten, sowie mit PC-Standardanwendungen – beispielsweise Textverarbeitung – umgehen. Außerdem wurden Fragen zur Erfassung der jeweiligen Computerversorgung an der Schule beantwortet.

In der Gesamtstatistik erreicht Deutschland im internationalen Vergleich einen durchschnittlichen Rang, doch in den Einzelauswertungen zum Beispiel bei der Versorgung rangiert Deutschland wesentlich weiter hinten. Hier entsteht eine Diskrepanz zwischen dem Status einer hochtechnisierten Industrienation und dem Stand der digitalen Bildung von Jugendlichen. Sicherlich sind solche Statistiken mit Vorsicht zu genießen, aber dennoch sollten die detaillierten Ergebnisse der Studie den Bund und die Länder alarmieren.

Computernutzung_digitalNatives

Wo liegen die möglichen Ursachen für dieses Ergebnis?

Es wäre jetzt zu einfach den SchülerInnen die Alleinschuld an diesem Ergebnis zu geben. Wie auch bei der PISA-Studie gibt ein solch mittelmäßiges Ergebnis auch stets eine Rückmeldung für die Struktur und enthüllt den Stand der Vermittlung im Unterricht. Ein grundsätzliches Problem stellt hier die Ausbildung der Lehrkräfte dar. In der universitären Ausbildung sind Veranstaltungen zur digitalen Bildung nicht verpflichtend. Auch entsprechende Weiterbildungen sind nicht obligatorisch und wenn überhaupt im Angebot wenig besucht. Das führt zu einem Mangel in der Medienkompetenz. Diese Voraussetzungen machen eine kompetente didaktische Anleitung von Inhalten zur informationstechnologischen Bildung nahezu unmöglich. Die Studie zeigt, dass 1/3 der deutschen LehrerInnen den PC weniger als einmal im Monat respektive nie einsetzen.

Ein weiteres Problem liegt im beigemessenen Stellenwert der den computertechnischen Bildungsinhalten, in den Lehrplänen der Länder zugestanden wird. In viele Lehrpläne wird das Fach Informatik gar nicht erst einbezogen und wenn es angeboten wird, dann werden fast ausschließlich die basalen Kompetenzen im Bereich Textverarbeitung und Tabellenkalkulation vermittelt. Die informative Nutzung des Internets taucht in den zu erwerbenden Kompetenzen nicht auf.

Ein infrastrukturelles Problem stellt die Ausstattung der Schulen mit PC und/oder mobilen Devices dar. Laut Studie kommen im Durchschnitt elf SchülerInnen auf einen Computer. Mit dieser Dichte liegen deutsche Schulen im internationalen Vergleich weit hinten. Eine kurzfristige Lösung à la „Bring your own devices“ wird von Seiten der Schulen oft untersagt.

Mehr Fragen als Antworten

Im Umkehrschluss bedeutet die Beobachtung der sogenannten Digital Natives im Alltag, dass eine hoch frequentierte Nutzung von sozialen Netzwerken, mobilen Geräten und Kurznachrichtendiensten nicht automatisch zu einer digitalen Kompetenz dieser Generation führt. Daher stellen sich für den Bildungssektor nach der Veröffentlichung der Studie folgende dringenden Fragen: Wie können die Lehrkräfte effektiv weitergebildet werden, um den Einsatz digitaler Medien im Schulalltag zur Norm werden zu lassen? Wie kann und sollte der Erwerb computer- und internetbezogener Fähigkeiten in die Rahmenlehrpläne integriert werden? Wie kann eine flächendeckendere Versorgung mit Endgeräten in den Schulen erreicht werden?

Die Bildungspolitik in Deutschland sollte sich nach den schlechten Ergebnissen der Studie dringend mit diesen Fragen beschäftigen, sonst wird eine ganze Generation von Jugendlichen für das digitale Zeitalter nicht ausreichend vorbereitet und von einem sich globalisierenden Arbeitsmarkt für die Zukunft abgehängt.

Fortgeschrittener Rückschritt?

Bildung

Deutsche Jugendliche – keine „Digital Natives“? Eine Ursachensuche

Im Jahr 2013 wurde vom unabhängigen internationalen Verbund wissenschaftlicher Bildungsforschung (kurz IEA DPC) die Studie mit dem Namen ICILS, zur Abbildung von computerbezogenen und informationstechnologischen Kompetenzen von Jugendlichen durchgeführt. Die Studie wurde im Dezember 2014 im Rahmen der Online Educa in Berlin vorgestellt und sollte aufzeigen, inwiefern Jugendliche auf die Herausforderungen des Informationszeitalters vorbereitet sind. Die Testgruppe waren Achtklässler aus insgesamt 19 Nationen aller Kontinente. Ähnlich wie die Resultate der PISA-Studie sollte die Erhebung eine Zwischenbilanz zur aktuellen Entwicklung darstellen, Leerstellen aufzeigen und Orientierungen für den Bildungsbereich geben. Die Veröffentlichung löste ein empörtes Echo in den Medien aus, denn die getesteten deutschen Jugendlichen schnitten verhältnismäßig schlecht ab.

Was bedeutet eigentlich „Digital Natives“?

„Digital Natives“ meint im Allgemeinen die nach 1990 geborenen Jugendlichen und Adoleszenten, welche mit dem Internet, dem Mobiltelefon und dem PC aufgewachsen sind. Diese grobe Einteilung missachtet allerdings die heutigen in der IT-Branche Beschäftigten und allgemein an IT Interessierten, die zwar nicht mit der aktuellen Technik aufgewachsen, aber in sie eingearbeitet sind. Der Begriff beschreibt zudem eine Generation, für die der Umgang mit digitalen Medien auf mobilen Geräten obligatorisch ist und sie daher wesentlich technikaffiner sind als Generationen vor ihnen. Im Alltag verstärkt sich dieser Eindruck sicherlich, aber wie sind dann die schwachen Ergebnisse der Studie zu erklären?

Die Studie und ihre Erkenntnisse für die deutsche Bildungslandschaft

Für die Studie mussten die Probanden Aufgaben im Bereich der Recherche und Verarbeitung von Informationen aus dem Internet bearbeiten, sowie mit PC-Standardanwendungen – beispielsweise Textverarbeitung – umgehen. Außerdem wurden Fragen zur Erfassung der jeweiligen Computerversorgung an der Schule beantwortet.

In der Gesamtstatistik erreicht Deutschland im internationalen Vergleich einen durchschnittlichen Rang, doch in den Einzelauswertungen zum Beispiel bei der Versorgung rangiert Deutschland wesentlich weiter hinten. Hier entsteht eine Diskrepanz zwischen dem Status einer hochtechnisierten Industrienation und dem Stand der digitalen Bildung von Jugendlichen. Sicherlich sind solche Statistiken mit Vorsicht zu genießen, aber dennoch sollten die detaillierten Ergebnisse der Studie den Bund und die Länder alarmieren.

Computernutzung_digitalNatives

Wo liegen die möglichen Ursachen für dieses Ergebnis?

Es wäre jetzt zu einfach den SchülerInnen die Alleinschuld an diesem Ergebnis zu geben. Wie auch bei der PISA-Studie gibt ein solch mittelmäßiges Ergebnis auch stets eine Rückmeldung für die Struktur und enthüllt den Stand der Vermittlung im Unterricht. Ein grundsätzliches Problem stellt hier die Ausbildung der Lehrkräfte dar. In der universitären Ausbildung sind Veranstaltungen zur digitalen Bildung nicht verpflichtend. Auch entsprechende Weiterbildungen sind nicht obligatorisch und wenn überhaupt im Angebot wenig besucht. Das führt zu einem Mangel in der Medienkompetenz. Diese Voraussetzungen machen eine kompetente didaktische Anleitung von Inhalten zur informationstechnologischen Bildung nahezu unmöglich. Die Studie zeigt, dass 1/3 der deutschen LehrerInnen den PC weniger als einmal im Monat respektive nie einsetzen.

Ein weiteres Problem liegt im beigemessenen Stellenwert der den computertechnischen Bildungsinhalten, in den Lehrplänen der Länder zugestanden wird. In viele Lehrpläne wird das Fach Informatik gar nicht erst einbezogen und wenn es angeboten wird, dann werden fast ausschließlich die basalen Kompetenzen im Bereich Textverarbeitung und Tabellenkalkulation vermittelt. Die informative Nutzung des Internets taucht in den zu erwerbenden Kompetenzen nicht auf.

Ein infrastrukturelles Problem stellt die Ausstattung der Schulen mit PC und/oder mobilen Devices dar. Laut Studie kommen im Durchschnitt elf SchülerInnen auf einen Computer. Mit dieser Dichte liegen deutsche Schulen im internationalen Vergleich weit hinten. Eine kurzfristige Lösung à la „Bring your own devices“ wird von Seiten der Schulen oft untersagt.

Mehr Fragen als Antworten

Im Umkehrschluss bedeutet die Beobachtung der sogenannten Digital Natives im Alltag, dass eine hoch frequentierte Nutzung von sozialen Netzwerken, mobilen Geräten und Kurznachrichtendiensten nicht automatisch zu einer digitalen Kompetenz dieser Generation führt. Daher stellen sich für den Bildungssektor nach der Veröffentlichung der Studie folgende dringenden Fragen: Wie können die Lehrkräfte effektiv weitergebildet werden, um den Einsatz digitaler Medien im Schulalltag zur Norm werden zu lassen? Wie kann und sollte der Erwerb computer- und internetbezogener Fähigkeiten in die Rahmenlehrpläne integriert werden? Wie kann eine flächendeckendere Versorgung mit Endgeräten in den Schulen erreicht werden?

Die Bildungspolitik in Deutschland sollte sich nach den schlechten Ergebnissen der Studie dringend mit diesen Fragen beschäftigen, sonst wird eine ganze Generation von Jugendlichen für das digitale Zeitalter nicht ausreichend vorbereitet und von einem sich globalisierenden Arbeitsmarkt für die Zukunft abgehängt.

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